Leseprobe Rising Phoenix: Evolve

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Kapitel 1

Saint

 

Wir spielen den letzten Zugabe-Song und das Stadion kocht wortwörtlich.

 

Die Fans feiern den Tourauftakt so frenetisch, dass ich allen Ernstes eine Gänsehaut bekomme.

 

Deacon und ich tauschen einen raschen Blick, während wir den Chorus gemeinsam singen. In seinen Augen finde ich die Bestätigung für das, was auch ich gerade fühle.

 

Ich liebe diesen Job!

 

Jesses Drums sowie Coltons Bass donnern durch die riesigen Lautsprecherboxen und bringen den Boden unter meinen Füßen zum Beben. Als ich mich in einer Gesangspause kurz umdrehe, sehe ich in das glückliche Gesicht meines Cousins und bin erleichtert. Die vergangenen Monate waren alles andere als einfach für ihn und ihn jetzt an seinem Schlagzeug so in seinem Element zu erleben, lässt mir einen gewaltigen Felsbrocken von den Schultern rutschen.

 

Dass er mit uns auf der Bühne steht und wir nicht mit einem Ersatz auf Tour gehen müssen, verdanken wir nicht zuletzt unserer Social-Media-Betreuerin Sienna.

Sie ist eine echte Bereicherung für uns, nicht nur in dieser Hinsicht.

 

Wie jedes Mal, wenn ich an sie denke, schnellt mein Puls ein wenig in die Höhe. Aber gleichzeitig setzt auch Ernüchterung ein, denn an dieser Frau beiße ich mir buchstäblich seit unserer allerersten Begegnung die Zähne aus. Ash, unser Bandmanager, der mir darüber hinaus ständig wie so ein Terrier im Nacken hängt und mich ermahnt, dass sie tabu sei, macht es mir noch zusätzlich schwer.

Doch ich baue darauf, dass die nun startende Tour die Karten neu mischen wird. Sienna wird mir nicht mehr so aus dem Weg gehen können, wie es bisher möglich war, dafür sorgt allein schon das beinahe permanente Leben im Tourbus. Ich werde die sich mir dadurch bietende Chance auf jeden Fall nutzen und ihr zeigen, dass sie ein völlig falsches Bild von mir hat.

Deacons raue, kratzige Stimme, auf die unsere weiblichen Fans so abfahren, holt mich wieder ins Hier und Jetzt zurück. Gemeinsam mit ihm sowie dem Rest der Band gebe ich noch einmal alles und als die letzten Takte unseres allerersten Hits Obsessed verklingen, rasten die Fanmassen endgültig aus.

Colton, Jesse und Landon, Deacons Zwillingsbruder und unser Keyboarder, treten zu uns. Wir stellen uns in eine Reihe und verneigen uns vor dem Publikum, das diesen Abend mit uns so gerockt hat, der Tourstart hätte genialer nicht sein können.

»Ihr seid der pure Wahnsinn, wir lieben euch!«, ruft Deacon ins Mikro, während er sich von seiner Gitarre befreit und sie einem herbeieilenden Roadie übergibt. Ich tue es ihm mit meiner gleich. »Kommt gut nach Hause, bis zum nächsten Mal!«

 

Wir anderen schließen uns mit ähnlichen Worten an, lassen uns noch ein wenig feiern und verlassen schließlich die Bühne.

 

Unten angekommen begeben wir uns zu den Fans in der Frontrow, in der auch die Gewinner des vor dem Konzert abgehaltenen Meet & Greet stehen. Die Mädchen himmeln uns an, schwärmen davon, wie toll der Gig gewesen sei und bitten um weitere Fotos. Einer der Securitys ist so nett, nimmt geduldig diverse Smartphones entgegen und schießt die Bilder. Während ich mit einer vielleicht Siebzehn- oder Achtzehnjährigen posiere, die mir ihre Arme um den Hals schlingt, trifft mein Blick auf Siennas. Sie steht zusammen mit Ash in ein paar Metern Entfernung und unterhält sich gerade mit Malcolm, dem Tourmanager.

 

Sienna wirkt, als versuche sie, keine Miene zu verziehen, muss dann allerdings doch schmunzeln. Ich grinse ihr mit einem Augenzwinkern zu und ihr Lächeln wird ein bisschen breiter, bevor sie sich wieder auf Malcolm konzentriert.

Dieser Moment des Blickkontakts gibt mir mehr, als das angebetet werden durch die weiblichen Fans.

Auf einen unauffälligen Wink unseres Bandmanagers hin sorgen die Securitys höflich, aber bestimmt dafür, dass wir den Rückzug antreten können.

»Wollen wir nach dem Duschen noch ein wenig in der Garderobe abhängen? Oder direkt in den Tourbus?«, fragt uns Landon.

»Ich will mich zunächst von Hope verabschieden, ich denke mal, bei Colton und Ash sieht es mit ihren Freundinnen ähnlich aus, oder?«, klinkt sich Jesse ein. »Doch danach können wir meinetwegen in den Bus, allzu viel Zeit haben wir bis zur Abfahrt sowieso nicht mehr.«

»Wir wollen euren Süßen selbstverständlich auch Goodbye sagen«, kommt es leicht empört von Deacon.

»Sicher, dass du die Gelegenheit nicht für einen Quickie mit irgendeinem Groupie nutzen willst?«, kontert Colton und kassiert dafür einen ausgestreckten Mittelfinger.

»Was bringt dich denn auf so eine Scheißidee, hm?!«

Deacons ehrliche Entrüstung lässt unseren Bassisten trocken auflachen.

»Keine Ahnung, woher der absurde Gedanke kam, ist ja noch nie so gewesen, dass du schnell zwischen Tür und Angel ne Nummer geschoben hast. Wie sagst du immer? Für den kleinen Hunger?«, zieht Colton ihn weiter auf.

Inzwischen sind wir an der Garderobe angekommen, die Securitys postieren sich davor, während wir in ihr verschwinden und von dort aus direkt in den angrenzenden Duschbereich gehen, nachdem wir uns ausgezogen haben.

 

Als ich mir den Schweiß des Konzerts vom Körper wasche, lausche ich den Schlagabtauschen zwischen den Zwillingen, Jesse und Colton nur mit halbem Ohr. Gedanklich bin ich bei unserer süßen Social-Media-Betreuerin, die mir nach außen hin zwar die kalte Schulter zeigt, bei der ich aber immer wieder den Eindruck habe, dass ihr völliges Desinteresse bloß gespielt ist.

 

Auch die Verabschiedung von den Freundinnen meiner Bandkollegen sowie unseres Managers läuft mehr oder weniger an mir vorbei, weil ich tatsächlich auf die Besprechung mit Sienna im Tourbus hinfiebere. Vor dem Konzert haben wir abgemacht, dass wir über die von ihr vorgeschlagene Saints-Sinner-Girls-Aktion sprechen. Ash geht, nachdem er Nell ein letztes Mal ausgiebig geküsst hat, schon voraus, wir anderen folgen ihm kurz darauf.

Die kommenden Wochen werde ich alles geben, um Sienna Carlisle zu beweisen, dass sie sich schwer in mir täuscht. Dieser Gedanke lässt mich grinsen, als ich den Bus betrete. Hinter mir unterhalten sich meine Bandkollegen über das gigantisch verlaufene Auftaktkonzert.

»Habt ihr mitbekommen, wie krass die Fans ausgerastet sind?! Wie sie praktisch jede Liedzeile mitgesungen haben?! Fuck, von diesem Gefühl werde ich nie genug bekommen!«, verkündet Landon und ich werfe einen Blick über meine Schulter.

Sein Zwillingsbruder Deacon nickt ehrfürchtig, dann jedoch wird sein Gesichtsausdruck schmutzig. »Schade, dass wir gleich starten und das nicht ausgiebig mit ein paar Groupies feiern können. Vielleicht hätte ich doch auf Colton hören, seinen Vorschlag in die Tat umsetzen und mir wenigstens einen Quickie gönnen sollen. Duschen können hätte ich später im Tourbus.«

Als ich mich erneut zu den beiden umdrehe, kriege ich gerade noch mit, wie Landon über die Aussage seines Bruders die Augen rollt. In letzter Zeit ist er irgendwie seltsam, nachdenklich und für meinen Geschmack oft zu ernst. Aber wann auch immer ich ihn frage, ob alles in Ordnung ist, beruhigt er mich mit einem abweisenden »Natürlich«.

»Ihr drei könnt euch das ständige Herumgeficke auf dieser Tour ohnehin abschminken«, ertönt Ashs schadenfrohe Stimme aus dem Inneren des Busses und erinnert mich auf unangenehme Weise daran, dass er uns noch eine Überraschung versprochen hat. Genau genommen macht er das seit Wochen.

»Langsam werden deine andauernden Drohungen albern«, kontert Deacon. »Man kann dich nicht mehr so richtig ernstnehmen, wenn du …« Er verstummt abrupt, als unser Bandmanager uns erreicht, im Schlepptau hat er einen Zwei-Meter-Kerl, dessen Oberarmmuskeln so krass sind, dass es wirkt, als würde er die Ärmel seines Shirts jeden Moment sprengen.

Scheiße, wer ist das denn?!

Eine dumpfe Vorahnung beschleicht mich, noch ehe ich das Logo des von Ash engagierten Security-Unternehmens, das oberhalb seiner rechten Brust in winzigen Lettern auf sein Oberteil gedruckt worden ist, registriere.

»Darf ich vorstellen, das ist Bruce. Wo ihr drei hingeht, ist er ebenfalls. Solltet ihr solo losziehen wollen, gibt es zwei zusätzliche Bodyguards, die dann eigens für diesen Zweck abgestellt werden. Entsprechend instruiert sind sie bereits.« Ashs Schadenfreude ist so deutlich hör- und auch sichtbar, dass ich nicht anders kann, als ihm den Mittelfinger zu zeigen.

»Du bist uns unterstellt, auf gar keinen Fall lassen wir uns von dir …«, beginnt Deacon, weiter kommt er jedoch nicht.

»Ich habe eure ständigen Sexskandale, die Dreier- und Vierer-Orgien satt, ihr landet mit dieser Scheiße für meinen Geschmack viel zu oft in der Presse«, hält Ash entschieden dagegen.

»Mir soll’s egal sein«, brummt Landon, nickt Bruce kurz zu und schiebt sich dann an ihm vorbei. »Hey Sienna«, höre ich ihn sagen, als er am Küchenbereich vorbeikommt, und fluche innerlich.

Wunderbar, dass sie diesen ganzen Mist mitbekommt … nicht. Okay, angesichts der Tatsache, dass sie sämtliche Social-Media-Accounts betreut, rege ich mich grundsätzlich umsonst auf, sie weiß ohnehin Bescheid. Mein beschissen hemmungsloser Lebenswandel, den ich hatte, ehe ich das erste Mal auf sie getroffen bin, macht es mir ja so schwer bei ihr. Sie hält mich garantiert nach wie vor für den teuflischen Anführer des Terror-Trios, der nichts anbrennen lässt, dabei führe ich inzwischen beinahe das Leben eines Chorknaben. Sicher, ich quatsche viel Mist, aber das Meiste davon sage ich nur, um Sienna aus der Reserve zu locken.

»Du blöder Penner, wieso machst du dich jetzt aus dem Staub?!«, ruft Deacon seinem Zwilling entnervt hinterher. Frustriert starrt er anschließend Ash an, der diese ganze Szene sichtlich zu genießen scheint. »Kannst du mir mal verraten, warum du diesen Pitbull, nichts für ungut, Brutus, auf …«

»Bruce«, unterbricht ihn unser Personenschützer mit dröhnender Stimme, gleichzeitig aber völlig stoischer Miene. Er verschränkt die riesigen Arme vor seiner Brust und ich glaube, ich höre ein paar Nähte seines Shirts knacken. »Merk dir das besser gleich, Declan

Mein Lachen, weil er Deacon bewusst ebenfalls mit einem falschen Vornamen anspricht, tarne ich schnell mit einem Husten, als dieser böse in meine Richtung schaut. Shit, sind heute sowohl Landon als auch er mit einem Mal vollkommen humorbefreit?

»Wieso bekommen Colton, Jesse und du denn keinen eigenen Bodyguard, hm?«, klinke ich mich ein, schnalle zwar bereits, wie dämlich die Frage ist, als ich noch am Sprechen bin, doch zurück kann ich nun nicht mehr.

»Ähm, weil wir in festen Händen sind und weder ständig rudelbumsen noch sonst irgendwelche Skandale produzieren?!«, antwortet mein Cousin Jesse an Ashs Stelle und boxt mir im Vorbeigehen auf den Oberarm. Colton will es ihm gleichtun, aber dem kann ich mit einer eleganten Drehung ausweichen.

 

Ein leises Lachen aus dem Küchenbereich drückt nun auch meine eigentlich grandios gute Laune nach diesem geilen Tourauftakt. Ich ahne, dass Sienna gerade wieder weitere Punkte auf die Kontra-Saint-Liste setzt, die sie sicher führt.

»Hättest du deine Hausaufgaben gemacht, dann wüsstest du, dass ich mich schon seit Wochen an keinerlei Orgien mehr beteilige!«, blaffe ich ihn überfordert an und ziehe den Kopf zwischen die Schultern, als unsere Social-Media-Verantwortliche im Gang erscheint. Sie nickt Jesse und Colton kurz zu.

»Das hier dauert bestimmt länger, oder?«, fragt sie Ash, sieht dabei jedoch mich an. »Offengestanden bin ich ziemlich müde, wenn es für dich okay ist, würde ich das Besprechen der Sinner-Girls-Aktion gern auf morgen vertagen.«

War ja klar, dass sie das nutzt, um sich mir zu entziehen.

Aber soll sie einen kleinen Teilsieg erringen, die Schlacht gewinne ich.

 

Außerdem ist es wohl besser, sie hört nicht noch mehr von dieser Unterhaltung mit.

»Sicher, kein Problem«, gebe ich deswegen zur Antwort, komme unserem Arschloch von Bandmanager, der mich so gehässig angrinst, dass ich ihm gerade eine verpassen möchte, zuvor.

 

Erleichterung zeichnet Siennas Miene, als sie sich mit einem »Gute Nacht« von uns verabschiedet und verschwindet. Ash hat ihr großzügigerweise das Schlafzimmer zugestanden und wird sich auch dieses Mal mit einer Koje begnügen.

»Ihr mögt es jetzt als Strafe empfinden, aber glaubt mir, Bruce wird euch vor euch selbst schützen«, argumentiert Ash, während ich bereits überlege, wie wir das Riesenbaby loswerden.

 

Klebt der mir ständig am Arsch, habe ich es noch schwerer, Sienna davon zu überzeugen, dass ich nicht das oberflächliche, frauenverschlingende Schwein bin, das sie scheinbar in mir sieht. Wobei … die Unterhaltung, die ich vor Konzertbeginn mit Jesse geführt habe, kommt mir in den Sinn. In ihr hat er Andeutungen fallen lassen, die durchaus den Eindruck erweckt haben, dass die scharfe Britin an mir interessiert ist. Kaum, dass ich nachgehakt habe, was er weiß, hat er zurückgerudert, doch ich werde schon herausfinden, ob er weitere Informationen hat. Außerdem halte ich es für ausgeschlossen, dass mein Cousin mich nicht bei Siennas Eroberung unterstützt, merkt er erst, wie ernst es mir ist.

 

»Sicher, du hast uns Brutus aufgehalst, weil du bloß unser Bestes willst«, ätzt Deacon angefressen, tut es dann seinem Bruder gleich und verschwindet im Inneren des Tourbusses.

 

»Ich brauche diesen Babysitter nicht«, sage ich entschlossen zu Ash, mehr als verärgert darüber, dass er mir die Tour bei Sienna mal wieder vermasselt hat. Diese Besprechung heute wäre ideal gewesen. Möglicherweise hätte ich ihr näherkommen können, aber der Mann, den ich sonst als einen meiner engsten Freunde bezeichnen würde, hat sich scheinbar auf die Fahne geschrieben, dass er mir das Leben die kommenden Wochen schwermachen will.

 

Doch ich wäre nicht Saint Davenport, würde mich das von meinem erklärten Ziel abhalten, Sienna zu erobern.