Leseprobe First Love: Ridley & Faye

First Love 4 Seitenbanner.jpg

Kapitel 1

Ridley

 

Beschissenes WG-Leben!

 

Gleich ist es so weit und ich bringe einen meiner Mitbewohner um!

 

Mindestens! Wahrscheinlicher ist, dass es nicht bei einem bleibt.

 

So froh ich damals war, dass mich die WG aufgenommen hat, heute bin ich kurz davor, zu einem dieser Typen zu werden, die man aus Crime-Dokus kennt. Der ruhige, nette Kerl, der zur Überraschung aller plötzlich durchgedreht ist.

 

Irgendetwas klirrt, sofort danach wird die Musik aus dem Erdgeschoss wieder lauter und irgendjemand johlt, klingt verdächtig nach Derek.

 

Mein potentielles Opfer Nummer eins, denke ich, als er nochmal johlt.

 

Da hilft auch nicht, dass die Kackmusik abgestellt wird.

 

Entnervt schlage ich die Lehrbücher zu und erhebe mich mit einem mühsamen Ächzen vom Schreibtischstuhl, um eine Dusche zu nehmen, ehe ich zu meiner Schicht in der Studentenbar aufbrechen muss. Bei dem Lärm, der schon den gesamten Tag in der WG herrscht, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, sich auf den Stoff zu konzentrieren. Vorige Woche erst ist Owen ausgezogen, nachdem er das ihm unterbreitete Angebot einer anderen Uni angenommen hat, die ihn wegen seiner Footballer-Qualitäten unbedingt haben wollte. Übel genommen hat ihm das niemand von uns, jeder weiß, dass er auf eine Karriere als Profisportler hinarbeitet. Das Football-Team der Jefferson ist zwar gut, aber kein Vergleich zu dem der Uni in Los Angeles, für das er künftig spielen wird. Es hat mich also nicht gewundert, dass er sich in die National Transfer Database hat eintragen lassen, in der Hoffnung darauf, ein besseres Angebot zu bekommen.

Schritte ertönen, ich höre Josie kichern, dann Matt »Na warte!« rufen, ehe eine Tür knallt.

 

Als klar war, dass Owen auszieht, haben die zwei uns gesagt, dass sie gern in sein Zimmer ziehen würden. Es ist größer als ihr Jetziges und von uns hatte keiner etwas dagegen. Doch dass sie mit dem Umzug einmal über den Flur nun schon seit Tagen zugange sind und scheinbar immer noch nicht alles herübergeschafft haben, geht mir auf den Zeiger. Mal ernsthaft, wie viel Zeug kann man denn bitte haben, wenn man sich auf einen Raum beschränken muss?!

 

Im Bad angekommen drehe ich zuerst das Wasser auf, um die wahrscheinlich gleich zwangsläufig entstehenden Laute zu übertönen. Matt und Josie möglicherweise beim Vögeln zuzuhören, brauche ich gerade echt gar nicht. Anschließend entkleide ich mich und steige in die Dusche. Als das Wasser auf meinen Körper herunterprasselt, entspanne ich allmählich.

 

Hoffentlich ist der Typ, mit dem ich mir künftig das Badezimmer teilen werde, in Ordnung. Owen hat wegen seines abrupten Auszugs versprochen, für einen Nachmieter Sorge zu tragen, bislang allerdings niemanden vorgeschlagen. Im Gegensatz zu den üblichen seelenlosen Blutsaugern, die sich in diesem Land Vermieter nennen, haben wir einen grandiosen erwischt. Nachdem Owen ausgezogen ist, hat er die fällige Miete um seinen Anteil reduziert, sodass wir uns damit nicht auch noch stressen müssen. Dieser Mann ist quasi ein Einhorn.

 

Nebenan knallt etwas auf den Fußboden und ich zucke zusammen. Kopfschüttelnd shampooniere ich mir die Haare, seife danach meinen Körper ein und spüle anschließend alles ab. Angenehm dürfte werden, dass wir uns das Bad nicht mehr zu dritt teilen müssen, außerdem brauchen Kerle deutlich weniger lang als Mädchen. Josie war da zwar noch relativ pflegeleicht, aber ich bin trotzdem erleichtert, dass sich künftig Warren bei der Badnutzung mit ihr und Matt herumschlagen darf. In der oberen Etage findet man insgesamt vier Schlafzimmer, zwei davon haben jeweils ein gemeinsames Bad.

 

Ich stelle das Wasser ab, verlasse die Kabine und nehme das Handtuch vom Haken an der Verbindungstür zu meinem Zimmer. Gerade, als ich es mir um die Hüften gewickelt habe, geht die Tür auf der anderen Seite auf und ich hebe den Kopf, da ein erschrockenes und eindeutig weibliches Quietschen ertönt.

 

»O Gott, Ridley, das tut mir leid, ich habe dich nicht gehört!«, entschuldigt sich Faye bei mir, während mir die Kinnlade hinunter klappt.

 

»Wie … was … was zur Hölle machst du denn hier?!«, fahre ich sie an und zucke selbst zusammen, weil meine Stimme für einen Kerl mindestens eine Oktave zu hoch klingt.

 

»Na, was wohl? Einziehen!«, verkündet sie mit einer Selbstverständlichkeit, die mir endgültig den Arsch auf Grundeis gehen lässt. Erst jetzt registriere ich die Pappkiste in ihren Händen, die sie gerade auf der Ablage abstellt. »Du warst doch damit einverstanden, dass ich Matts und Josies Zimmer übernehme.«

 

What the fuck?!

 

Ich weiß von verdammt nochmal gar nichts!

 

Das hier muss ein verflucht beschissener Scherz der übrigen WG-Bewohner sein.

Außerdem bin ich fest davon ausgegangen, dass für Owen ein anderer Kerl einziehen würde! Doch kein Mädchen, und erst recht nicht Faye!

 

Ihr Blick gleitet an meinem Körper hinab und wird mit jedem Zentimeter, den sie tiefer wandert, begehrlicher. Hastig checke ich ab, ob das Handtuch noch an Ort und Stelle sitzt. Als ich wieder aufschaue, schmunzelt sie und ihre Nase kräuselt sich, was irgendwie niedlich aussieht. O man, das kann nicht mein Ernst sein. Nichts an dieser Frau ist niedlich. Sie ist bloß nervtötend, aufdringlich und nicht in der Lage, Signale richtig zu deuten. Egal, wie oft ich ihr in den zurückliegenden Monaten schon zu verstehen gegeben habe, dass ich keinerlei Interesse an ihr habe, es scheint an ihr abzuprallen.

Aus einem sich mir nicht erschließenden Grund hat sie sich in den Kopf gesetzt, dass wir das nächste Traumpaar am Jefferson werden sollen. Das überlasse ich lieber den anderen, das Letzte, was ich derzeit möchte, ist eine Beziehung.

 

Alles, was ich will, ist meine Ruhe. Die vergangenen Jahre waren eine einzige Achterbahnfahrt und ich lasse nichts, was mich in irgendeiner Form aus dem Gleichgewicht bringen kann, in mein Leben.

 

»Den Kram räume ich dann später ein, wie gesagt, ich wollte dich nicht stören.« Freundlich lächelt sie mich an. »Offen gestanden habe ich damit gerechnet, dass es dir nicht gefallen wird, wenn ich künftig hier wohne. Deswegen habe ich mich so darüber gefreut, als Eden und Derek mir erzählt haben, dass ihr geschlossen einverstanden seid, mir das freigewordene WG-Zimmer zu geben«, plappert sie weiter.

 

Wie bitte? Mich hat hier niemand irgendetwas gefragt!

 

Am liebsten würde ich ihr genau das sagen, doch der Umstand, dass ich vorher erst einmal mit meinen Mitbewohnern und Freunden – zumindest dachte ich, sie wären welche – sprechen sollte, hält mich davon ab.

»Arbeitest du dieses Wochenende?« Sie mustert mich neugierig. »Ich habe dich schon lange nicht mehr in der Bar gesehen, Eden erwähnte, du hättest ein paar Schichten mit ihr getauscht, weil du so viel um die Ohren hast mit den bei dir anstehenden Klausuren.«

 

Fast hätte ich zynisch aufgelacht. Der einzige Grund, warum ich meine Stunden in der Studentenbar mit Eden getauscht habe, steht direkt vor mir.

 

Faye Dunn.

 

Seit sie am Jefferson und kurz darauf in der Bar aufgetaucht ist, gibt es praktisch kein Entrinnen.

 

Und jetzt zieht sie auch noch hier ein!

 

Heißt im Klartext, ich bin nicht mal mehr zuhause sicher vor ihr!

 

»Ridley?«, dringt ihre Stimme in meine Gedankengänge.

 

Verwirrt starre ich sie an, bis mir bewusst wird, dass sie nach wie vor auf eine Antwort wartet.

 

»Ähm, ja, ich arbeite heute Abend. Lass dich nicht stören, ich bin hier fertig.« Mit diesen Worten wende ich mich zum Gehen ab, greife mir rasch das Deo von der Ablage und bin heilfroh, dass sie mich nicht noch etwas fragt. Die Tür zu meinem Zimmer knalle ich förmlich hinter mir zu, aber ich bin gerade so sauer, dass ich am liebsten irgendetwas kurz und klein schlagen würde. So schnell ich kann, ziehe ich mich an und mache mich anschließend auf den Weg nach unten.

 

Mit jeder Stufe hinab in das Erdgeschoss werde ich wütender.

 

Stimmengewirr schallt mir aus der Küche entgegen, offenbar planen sie die nächste Party hier, bei der Owen Ehrengast sein soll. Wir haben es vorher nicht mehr geschafft, ihm einen würdigen Abschied zu bereiten. Aber da Los Angeles nicht völlig aus der Welt ist und er auf der Couch übernachten kann, haben wir kein Problem damit, die Abschiedsparty nachzuholen.

 

»Was zum Teufel habt ihr euch dabei gedacht, Faye das freigewordene Zimmer zu geben?!«, zische ich aufgebracht, kaum, dass ich den Raum betreten habe.

»Oh, ich wusste gar nicht, dass du hier bist«, findet Derek als Erster seine Sprache wieder. »Also seid ihr euch schon über den Weg gelaufen?«

 

»Sie ist ins Badezimmer geplatzt, als ich gerade aus der Dusche kam!« Ich balle die Hände zu Fäusten und versuche, ruhig zu bleiben. »Plötzlich stand sie vor mir und ich hatte nur ein Handtuch um die Hüften!« Scheiße, ich höre mich wie eine verklemmte Pussy an, doch die unverhoffte Begegnung mit Faye steckt mir in den Knochen. Wenigstens hier habe ich mich bislang vor ihr sicher gefühlt!

 

»Da wird sie aber enttäuscht gewesen sein, sie hätte bestimmt äußerst gern einen Blick auf deine Kronjuwelen geworfen«, kontert Derek amüsiert.

 

Für einen Moment wird es still im Raum, dann fangen sie alle zu lachen an.

 

»Ihr habt Faye aufgetischt, ich wäre mit ihrem Einzug einverstanden. Seid ihr noch ganz dicht?!«, blaffe ich in die Runde. »Jeder Einzelne von euch weiß, dass sie mich zu Tode nervt, glaubt ihr ernsthaft, ich sei scharf drauf, ihr auch hier ständig über den Weg zu laufen?!«

 

Matt fängt sich am schnellsten wieder. »Dich einzuweihen, hätte keinen Unterschied gemacht. Die Mehrheit entscheidet, und wir waren uns einig, dass Faye das Zimmer bekommen soll.« Er erhebt sich mit seiner Kaffeetasse in der Hand und schlendert zur Kaffeemaschine hinüber. »Außerdem kaufe ich dir dein vorgetäuschtes Desinteresse an ihr nicht ab. Das tut niemand von uns, deswegen haben wir beschlossen, dass es an der Zeit für eine Intervention ist.«

 

Fassungslos starre ich ihn an. Auf der Highschool waren Matt und ich beste Freunde, bis uns die Sache mit den Steroiden, mein darüber hinausgehender Drogenkonsum und das jähe Ende meiner Football-Karriere entzweit haben. Seit es uns unter eher ungewöhnlichen Umständen im Rahmen seines ersten Semesters an der Jefferson in die gleiche WG verschlagen hat, haben wir uns allmählich wieder angefreundet. Doch jetzt gerade frage ich mich, ob er mir verspätet eins dafür reinwürgen will, dass ich während seiner Abwesenheit zu einer Art Ersatz-Bester-Freund für seine Süße geworden bin.

 

»Du würdest dich nicht so über sie aufregen, wenn sie dich nicht eigentlich reizen würde«, wendet Warren ein und ich fokussiere mich auf ihn.

 

»Erspar mir dein Psychologen-Gesülze, das ist absoluter Schwachsinn. Die Frau reizt mich null. N-u-l-l.«

 

Josie hebt eine Augenbraue, sagt allerdings nichts.

 

Dereks Freundin Eden hingegen begnügt sich nicht mit einem Augenbrauenhochziehen. »In dem Fall kann es doch kein Problem sein, dass sie künftig hier wohnt.«

 

»Sie will nicht begreifen, dass ich nicht an ihr interessiert bin! Deswegen ist es ein Problem«, widerspreche ich energisch.

 

»Dann geh hoch und sag ihr, dass sie ihren Krempel wieder zusammenpacken und sehen muss, wo sie abbleibt.« Derek grinst breit und seine Augen funkeln, ehe er weiterspricht. »Ihre alte und überteuerte Bleibe ist schon weitervermietet, sie hat also keine Ahnung, wo sie hinsoll, aber das stört dich sicher nicht, hm?« Dieses blöde Arschloch weiß sehr genau, dass ich das nicht mit mir vereinbaren kann.

 

Als ich, wenn auch aus anderen Gründen, in einer ganz ähnlichen Situation wie Faye war, hat die WG mir Unterschlupf gewährt. Ich durfte während Matts kurzem Zwischenspiel in New York in seinem früheren Zimmer leben und selbst nach seiner Rückkehr haben sie mich nicht hinausgeworfen. Stattdessen ist er zu seiner Freundin Josie in ihren ursprünglichen Raum gezogen und hat sich ihn mit ihr geteilt.

 

»Du wirst dich schon daran gewöhnen«, startet diese einen Versuch, mich versöhnlicher zu stimmen. »Vielleicht stellst du ja auch fest, dass Faye gar nicht so ist, wie du bisher angenommen hast.«

 

Schlimmer geht immer, oder was möchte sie mir damit sagen?!

 

Okay, früher hätte ich Faye durchaus süß gefunden, optisch entspricht sie meinem Beuteschema, aber ich kann mir in dieser Hinsicht kein Risiko leisten. Keinen One-Night-Stand, keine lockere Sex-Affäre und erst recht keine Beziehung.

 

»Egal, ob ihr mich sowieso überstimmt hättet oder nicht, diese Nummer war wirklich hinterfotzig.« Matt will etwas erwidern, doch ich bringe ihn mit einer unwirschen Handbewegung dazu, seinen Mund wieder zu schließen. »Soll sie hier wohnen, erwartet allerdings nicht, dass ich übermäßig nett zu ihr bin oder mich mehr als unbedingt notwendig mit ihr abgebe. Bloß, weil wir zusammenleben, müssen wir nicht zwingend alle Freunde sein!«

 

Innerlich beschließe ich, dass ich mich so schnell wie möglich um eine andere Unterkunft kümmern werde. Die Tatsache, dass es so gut wie unmöglich sein wird, etwas Bezahlbares zu finden, verdränge ich gekonnt. Sicher, ich könnte Dad um Hilfe bitten, doch das wäre der allerletzte Ausweg, und so verzweifelt bin ich nicht. Unser Verhältnis ist aufgrund meiner Drogenvergangenheit und ihrer Folgen kompliziert. Er war nicht einverstanden mit meinem gewählten Studiengang und hat versucht, mir die Daumenschrauben anzulegen, indem er sich geweigert hat, über die Studiengebühren hinaus für irgendetwas aufzukommen. So wollte er mich offenbar zur Vernunft bringen.

 

Gefühlt habe ich die Wahl zwischen Pest und Cholera.

 

Mit Faye unter einem Dach zu leben und das Badezimmer mit ihr zu teilen versus Dad um finanzielle Unterstützung anzubetteln.

Betrachte ich die Sache so, ist meine nervige Mitbewohnerin vermutlich das kleinere Übel.