Leseprobe Wounded Kingdom

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Kapitel 1

Chloe

 

Nie. Wieder. Alkohol!

 

Zumindest für jetzt, direkt nach dem Aufwachen, ist das ein Versprechen!

 

In meinem Kopf hämmert es wie verrückt, meine Zunge ist pelzig und ich habe einen Geschmack im Mund, als wäre ein Tier auf ihr verendet. Kaum, dass ich die Augen aufschlage, verfluche ich mich auch schon dafür. Anfängerfehler!

 

Was zum Teufel ist aus meinem Vorsatz, bloß einen Drink zu nehmen, geworden? Vage erinnere ich mich, dass meine zwei besten Freundinnen und ich gestern irgendwann nach dem ersten Longdrink auf Tequila Shots umgestiegen sind. Meine absolute Nemesis und jedes Mal, wenn ich die Finger nicht davon lassen kann, der unweigerliche Untergang. Die Abende sind meist toll, aber der Filmriss und Kater danach haben es in sich.

Frustriert starre ich an die Decke, die, wie ich verzögert mit etwas Rest-Alkohol-Vernebelung feststelle, nicht nach der meines Schlafzimmers aussieht. Gleichzeitig registriere ich links von mir eine Bewegung.

 

Als ich in diese Richtung blicke, keuche ich überrascht auf. Definitiv ein fremdes Bett mit fremdem Kerl darin! Der Typ neben mir ist ein echter Hottie, soweit ich das mit seinem halb im Kopfkissen vergrabenen Gesicht erkennen kann. Attraktiv-markante Gesichtszüge, Lippen, die zum Küssen einladen, der leichte Bartschatten verleiht ihm einen sexy Touch, dennoch … habe ich etwa Sex mit ihm gehabt?! Irgendwie kommt er mir vage bekannt vor, aber das liegt wohl daran, dass ich mit ihm gevögelt haben muss … da sollte ich ihn kennen. Schade, dass ich seine Augen nicht sehen kann, ich wüsste zu gern, was für eine Augenfarbe er hat.

 

Scheiße, die Kopfschmerzen werden von diesem Gegrübel bloß noch schlimmer.

 

Alles, was ich wollte, war, mit meinen Mädels das Ergattern des Jobs beim Daily Dispatch sowie meinen vierundzwanzigsten Geburtstag zu feiern. Direkt nach der Uni bei meiner favorisierten Londoner Tageszeitung durchstarten zu können, ist ein in Erfüllung gegangener Wunschtraum.

Ohne jegliche Erinnerung an die vorangegangene Nacht neben einem Fremden aufzuwachen, stand allerdings nicht auf dem Plan.

 

Vorsichtig, um den Mann links von mir nicht zu wecken, schlage ich die Bettdecke zurück und richte mich auf. Viel zu schnell, mein Körper bedankt sich augenblicklich mit einem heftigen Schwindelanfall dafür. Als ich nicht mehr das Gefühl habe, dass sich das ganze Zimmer um mich dreht, stehe ich so leise wie irgend möglich auf. Meine Kleidung sowie Schuhe liegen vor dem Bett verstreut, hastig sammele ich sie auf und starre dann etwas ratlos auf die zwei Türen, bis ich begreife, dass ich in einem Hotelzimmer bin. Ich bewege mich auf die rechte zu, öffne sie nahezu lautlos und atme erleichtert auf, als ich erkenne, dass dahinter befindlich das Bad ist. Rasch schlüpfe ich in es hinein.

»O Gott«, stoße ich beim Blick in den Spiegel aus.

 

Meine Haare sind völlig zerzaust und mein Make-up ist praktisch nicht mehr existent. Die schwarzen Mascararänder lassen mich aussehen, als wäre ich entfernt mit einem mutierten Pandabären verwandt. So schnell ich kann, wasche ich mich, richte mich notdürftig wieder her und ziehe mich dann an. Wo verdammt nochmal sind mein Mantel und die Handtasche?! Hoffentlich hinter der anderen Tür, die aus diesem Zimmer führt.

 

Mit den High Heels in der Hand verlasse ich das Bad und werfe einen letzten Blick auf den attraktiven Unbekannten, der nach wie vor tief und fest schläft. Bedauerlich, dass ich mich nicht an unseren Sex erinnern kann. Aber vielleicht auch nicht, er könnte ne klassische Mogelpackung sein, wäre nicht das erste Mal, dass ich an eine geraten bin. Dass ich mich nicht an den Sex erinnere, spricht nicht unbedingt für ihn … nein, nun werde ich unfair. Es könnte bombastisch gewesen sein, dank meines alkoholischen Todfeindes wäre trotzdem alles weg.

Über mich selbst den Kopf schüttelnd setze ich mich wieder in Bewegung, öffne die zweite Tür und lasse meinen One-Night-Stand zurück. Erstaunt stelle ich fest, dass ich nun in einem geräumigen Wohnzimmer stehe, was zum Teufel … wir sind eindeutig in einem Hotel, aber … eine Suite?! Wer bitte nimmt denn eine Frau für eine Nacht mit in eine Hotelsuite?!

Es ist so typisch für mich, dass mir das passiert.

Ich werde praktisch im Pretty-Woman-Style – okay, vielleicht sollte ich mich nicht mit einer Bordsteinschwalbe vergleichen – in eine Luxusherberge abgeschleppt, habe möglicherweise den besten Sex überhaupt gehabt … und weiß nichts mehr davon.

Man könnte es auch die Geschichte meines Lebens nennen.

Für Unglück en masse habe ich ein unvergleichliches Talent.

Traurig, aber das hier rangiert mit meiner Neigung zu Katastrophen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mal unter den Top Ten.

Bevor der Typ, mit dem ich die Nacht verbracht habe, doch noch aufwacht und es peinlich wird, sehe ich zu, dass ich mir meine restlichen Sachen schnappe und die Hotelsuite verlasse.

Vor dem Hotel angelangt, das sich als das Corinthia und damit tatsächlich als eines der Teuersten und Exklusivsten in London entpuppt, rufe ich mir ein Uber und lasse mich nach Hause bringen.

 

Bei mir angekommen schleppe ich mich irgendwie die steilen Stufen in den zweiten Stock hinauf in mein winziges Appartement. Mein erster Weg, sobald ich in der Wohnung bin, führt mich in die Küche. Dort hole ich mir eine kleine Wasserflasche aus dem Kühlschrank und leere sie mit einem kräftigen Zug nahezu komplett. Danach genehmige ich mir eine Dusche, verwandele mich wenigstens optisch wieder in eine halbwegs vorzeigbare Ausgabe von mir. Körperlich fühle ich mich immer noch, als hätte mich jemand mit einer Dampfwalze plattgemacht und wäre anschließend mindestens zwei weitere Male über mich gerollt, um auch ja sicherzustellen, dass er mich erledigt hat.

 

Nachdem ich mir eine Tasse Tee gekocht und mich auf der Couch unter einer Wolldecke eingekuschelt habe, schnappe ich mir mein Smartphone und rufe zunächst Linda an.

»Endlich!«, begrüßt mich meine beste Freundin, im Hintergrund höre ich Eva quietschen, die unser Trio vervollständigt. Die beiden haben es irgendwie geschafft, nebeneinanderliegende Wohnungen im selben Gebäude zu bekommen, meist hängt eine von ihnen bei der anderen herum.

 

Wir haben uns auf der Schule kennengelernt, sind zwar während des Studiums auf unterschiedlichen Unis gelandet, haben uns hinterher aber in London wiedergefunden.

»Wieso habt ihr mich meine Nemesis trinken lassen?! Ihr wisst genau, dass die Abende dann eskalieren«, schimpfe ich, woraufhin diese beiden Verräterinnen bloß lachen.

»Gegenfrage, wie hätten wir Tequila-Chloe davon abhalten sollen? Vor allem, nachdem du lautstark verkündet hast, dass du feiern und Spaß haben willst, immerhin hättest du Geburtstag, einen erfolgreichen Uni-Abschluss gemacht und deinen Traumjob bekommen. Keine von uns ist so lebensmüde, sich mit dir anzulegen, bist du in diesem Stadium. Außerdem hattest du den ersten Shot so schnell hinuntergekippt und einen zweiten geordert, dass eh alles verloren war«, verteidigt sich Linda und Eva im Hintergrund stimmt ihr zu. »Du bist auf Lautsprecher, Süße, jetzt erzähl uns, auf einer Skala von eins bis zehn, wie scharf war deine Nacht mit dem Hottie, den du aufgerissen hast?«

 

Den ich aufgerissen habe?!

 

Wie bitte, was?!

O Gott, das wird immer schlimmer. Will ich wirklich noch mehr wissen?

»Weiß eine von euch seinen Namen?«, hake ich zögerlich nach, ignoriere die Frage nach dem Unbekannten erstmal.

»Nein, du hast ihn andauernd nur Zuckerschnecke genannt«, antwortet Linda mit einem trockenen Lachen, in das Eva einstimmt. »Ich glaube, er war so scharf auf dich, dass er den Kosenamen geschluckt hat, obwohl er ihn scheiße fand.«

Kein Wunder, ich würde auch nicht so affig betitelt werden wollen.

»Ich hatte euch doch gesagt, dass ich Montag fit sein muss, ein Drink und ich wollte um Mitternacht zu Hause sein!«, jammere ich vor lauter Scham darüber, wie peinlich ich mich anscheinend benommen habe.

»Wie Linda schon sagte, niemand legt sich mit Tequila-Chloe an«, klinkt sich nun Eva ein. »Als der sexy Typ auf der Bildfläche erschienen ist, bist du völlig eskaliert. Und nun sag uns endlich, war der Sex so phänomenal, wie sein …«, kommt sie auf die von mir galant ignorierte Frage zurück.

»Keine Ahnung, ich habe einen kompletten Filmriss«, unterbreche ich sie und seufze lautstark. Danach trinke ich einen großzügigen Schluck des Tees. »War so klar, da habe ich meinen allerersten One-Night-Stand, werde in eine traumhaft schöne Luxussuite mitgenommen und kann mich am nächsten Morgen an nichts erinnern.«

Für einen Moment bleibt es still am anderen Ende der Leitung.

»Gab’s heute Morgen keinen Nachschlag?«

 

Evas Frage lässt mich die Augen verdrehen.

 

»Nein, da habe ich bloß zugesehen, dass ich unbemerkt wegkomme. Das macht man bei einem One-Night-Stand doch so, oder?« Hätte ich bleiben sollen, um mehr herauszufinden? Aber das hätte der Fremde sicher nicht so prickelnd gefunden, ich meine, die Regeln sind klar definiert. Und wenn auch nicht in der Praxis, in der Theorie weiß ich, wie ätzend Männer Frauen finden, die sich irgendetwas über diese eine Nacht hinaus erhoffen.

»Ach Süße, da gönnst du dir einen Hottie zum Geburtstag und dann weißt du es nicht mal mehr. Da bleibt nur zu hoffen, dass der Sex ohnehin nicht der Rede wert war«, murmelt Linda.

»Das ist aber eine sehr seltsame Art, ihr Trost zu spenden«, wird sie von Eva getadelt.

Trotz der Aspirin, die ich vorhin im Taxi trocken hinuntergeschluckt habe, hämmert mein Schädel immer noch wie verrückt.

 

»Ich muss jetzt schlafen, morgen ist mein erster Tag beim Daily Dispatch, da sollte ich ausgeruht sein«, verkünde ich, nicht ohne einen leisen Vorwurf in der Stimme. »Ihr hättet mich echt davon abhalten sollen, so viel zu trinken und dazu mit diesem Kerl loszuziehen«, ergänze ich, wohlwissend, dass ich gerade total unfair bin.

Linda und Eva ist das ebenso klar, aber sie kennen das von, wie nennen sie mich immer so schön, Tequila-Chloe. Keine von beiden nimmt mir das übel, ihnen ist bewusst, wie das gemeint ist.

 

»Schade, dass du ihn nie wiedersehen wirst, er war wirklich heiß, charmant, witzig … ein echter Traumtyp«, schwärmt Eva und das versetzt mir irgendwie einen Stich, obwohl das völlig verrückt ist. »Ruh dich aus, ja? Und vergiss nicht unsere Verabredung morgen Abend, wir wollen doch unbedingt wissen, wie dein erster Arbeitstag war.«

 

»Natürlich nicht, bis morgen Abend«, verabschiede ich mich.

 

Anschließend rolle ich mich auf der Couch zusammen und bete, dass dieser Kater des Todes irgendwann vergehen wird. Und mit ihm die Schmach, dass ich es echt geschafft habe, einen One-Night-Stand zu erleben, ohne mich hinterher wenigstens daran erinnern zu können.